Informationssammelsucht

In Verbindung mit der Suche nach Informationen kann durch das Internet das Gefühl einer umfassenden und sinnvollen Beschäftigung erzeugt werden. Die im Menschen angelegte Neugier wird durch immer neue Angebote, Verweise und Links angeregt, so dass ein „Strudel“ im virtuellen Informationsmeer entsteht.

Allein bei youtube werden pro Minute mehr als 20 Stunden Videomaterial hochgeladen. Es wäre ein Menschenleben notwendig, um die neuen Internet-Inhalte eines Tages zu sichten. Auf diese Weise kann bei der Beschäftigung mit dem Netz keine Langeweile entstehen – ein entscheidendes Argument vieler Jugendlicher und Erwachsener für ihre intensiven Nutzungsgewohnheiten. (Der Verlust der Muße wird dabei gern toleriert oder nicht wahrgenommen.) 

Menschen, die eine Leidenschaft wie das Sammeln von Briefmarken, Bierdeckeln oder Porzellanpuppen entwickeln, sind in der Ausführung einerseits durch die begrenzte Verfügbarkeit der Objekte sowie die physische Komponente (Ermüdungs- oder Anspannungserscheinungen) beschränkt. Eine derartige Beschränkung liegt beim Onlinesammeln nicht mehr vor. Aufgrund der geringen Bewegung – es muss beispielsweise kein Regal für die Porzellanpuppen gezimmert werden – und der ständig wachsenden Zahl von Informationen auf mehreren Milliarden Internetseiten, sind allein der Schlafbedarf und die Ernährung die begrenzenden Rahmenbedingungen.

Da Menschen mit einer Sammelleidenschaft häufig sehr ordnungsliebend, strukturiert und zielorientiert sind, verfolgen sie mitunter das Ziel der Vollständigkeit oder zumindest der vollständigen Auskunftsfähigkeit über wichtige Teilbereiche. Auch dieser Aspekt ist bei einer Onlinesammelsucht nicht mehr erfüllbar und könnte das Risiko einer Abhängigkeitsentwicklung erhöhen.

Derzeit werden Klienten mit dem Phänomen einer exzessiven Informationssammeltätigkeit eher selten in Beratungsstellen vorstellig. Es ist zu vermuten, dass entsprechende Suchtentwicklungen im Vergleich zu den oben beschriebenen Phänomenen wesentlich weniger häufig vorkommen. Über eine möglicherweise hohe Dunkelziffer kann nur spekuliert werden. In der Forschungsliteratur wird die Möglichkeit dieser Verhaltenssucht seit ca. 15 Jahren beschrieben.