Onlinesex bzw. Cybersex (Onlinesexsucht)

In der therapeutischen Praxis suchen vor allem Klienten mit exzessivem Pornokonsum professionelle Hilfe. Oft wird während des Beratungsprozesses deutlich, dass zumindest zu Beginn der intensiven Nutzung nicht die Kompensation einer als unbefriedigend erlebten Sexualität im Vordergrund stand. Vielmehr diente der Konsum dem Abbau beruflichen oder privaten Stresses. 

Bilder oder Szenen mit sexuellem Inhalt fesseln die Aufmerksamkeit eines Mannes i.d.R. stark. Andere belastende Gedanken werden ausgeblendet. Erregende, lustvolle Spannung baut sich auf. Diese Spannung kann sich dann durch (zumindest anfänglich) genussvolle Masturbation entladen. Die dabei vom Gehirn als evolutionäres Erbe reichlich ausgeschütteten Botenstoffe Dopamin und Serotonin verursachen die tief empfundenen Lust-, Genuss- und Glücksgefühle. Eine Ablenkung vom belastenden Alltag und kurzzeitige intensive Entspannung ist gelungen. Diese nachhaltige Erfahrung kann sich letztlich zu einem Drang entwickeln, da keine andere Aktivität eine so schnelle und entlastende Stressreduktion ermöglicht.

Das Bewusstwerden der nach wie vor unerledigten beruflichen oder Beziehungsaufgaben, führt mitunter zu einer erneuten Erhöhung des empfundenen Stresses. Der mentale Kraftaufwand, sich auf diese Aufgaben zu konzentrieren, wird noch größer. So könnte schon nach einer geringen Zeitspanne eine kurze Entspannung als einziger Ausweg erscheinen. Die sich nachhaltig im Gedächtnis verfangenden eindrücklichen Bilder stehen immer präsenter und automatischer zur Verfügung. Ein Teufelskreis schließt sich.

Wird dieses Tun durch die Partnerin entdeckt, kommt es oft zu einer massiven Beziehungsirritation, was sich nicht zuletzt auf das gemeinsame sexuelle Erleben auswirkt. Die durch die Internetbilder aufgeladenen Phantasien, Bedürfnisse und Wünsche des Mannes werden brüskiert abgelehnt – eine erfüllende Intimität erscheint für beide Partner immer unmöglicher.

Als erste Anlässe für exzessiven Pornokonsum werden auch Langeweile oder Orientierungslosigkeit genannt. Zahlreiche Studien belegen, dass männliche Studenten, erstmals frei in ihrer Zeiteinteilung und ohne soziale Kontrolle, sehr intensiv pornografische Angebote nutzen. Jenen Studenten, denen es kaum gelingt, ihre Freizeit mit interessanten Aktivitäten zu füllen und neue soziale Kontakte zu schließen, könnten diese Angebote als wichtige Alternative erscheinen. Ebenso begünstigt eine empfundene Unsicherheit in Bezug auf die Wahl des richtigen Studienganges eine intensivere Nutzung, um sich von zweifelnden Gedanken oder einer endgültigen Entscheidung abzulenken. 

Frauen, die einen exzessiven Pornokonsum ihres Partners entdecken, sind oft mehrfach schockiert, desillusioniert und verunsichert. Zum einen gilt ihnen die heimliche Konsumpraxis ihres Partners als Beleg für dessen Unehrlichkeit. Die Schlussfolgerung, dass sich Unwahrheiten nicht nur auf den Bereich des geistigen Fremdgehens beziehen, liegt für sie nahe. Viele Handlungen, Äußerungen und Liebesbekundungen des Mannes werden rückwirkend in einen neuen Kontext gesetzt und negativ konnotiert. 

Frauen, die vorher kaum mit pornografischem Material in Berührung gekommen sind, sind mitunter schockiert über die Trivialität der dargebotenen sexuellen Handlungen und das vermittelte Frauenbild: ein unterwürfiges (gut proportioniertes) Wesen als bloßes Lustobjekt zur Befriedigung des Mannes. Kann jemand, der auf derartige, teilweise menschenverachtende Banalitäten anspricht, ein wertvoller Mensch sein? Sind die sozialen Attitüden als Ehemann, Vater, Freund und die intellektuellen Ansprüche und Diskurse nur Masken, um das niedere Wesen zu verschleiern? 

Eine dritte Verunsicherung bezieht sich auf das Intimleben. Sind oder waren die empfangenen Zärtlichkeiten wirklich Ausdruck von Zuneigung oder nur gezwungenermaßen gewährtes Beiwerk zur Erreichung des einzigen Zieles, der Triebabfuhr? Könnte diese nicht mit vielen anderen Frauen oder Praktiken gleichermaßen oder noch befriedigender realisiert werden? Wie weit ist die eigene Erscheinung von den attraktiv-erotischen Idealvorstellungen des Mannes entfernt? Was löst eine vorhandene Diskrepanz im Partner an Gedanken und Gefühlen aus?

Die Partnerinnen von Onlinesexsüchtigen erleben also eine massive Irritation ihrer Partnerschaft bzw. ihrer familiären Geborgenheit und damit ihres gesamten Lebenskonstruktes. Beteuerungen des Mannes, dass es selbstverständlich nicht so dramatisch sei, wie die Partnerin befürchtet, bleiben vorerst wirkungslos, da sie als Schutzbehauptungen abgewiesen werden. Jegliche Bemühungen des Mannes, ein normales (was immer das für den einzelnen heißt) Beziehungsleben wiederherzustellen, werden mitunter bis zur Absurdität analysiert. Viele Monate etabliert sich dementsprechend eine spannungsvolle Kommunikation. Nicht selten nutzt der Mann dann wiederum das bewährte Mittel zur Spannungsreduktion. Wieder verbunden mit Lügen und Verheimlichung. Entdeckt die Frau dieses erneut, sieht sie sich in ihren größten Befürchtungen bestätigt.